Im Lebensraum der Kegelrobbe

Die Kegelrobbe ist das größte in freier Wildbahn lebende Raubtier Deutschlands. Ausgewachsene Tiere bringen bis zu 300kg auf die Waage. Anfang Mai verschlug es mich in den Lebensraum dieser faszinierenden Säugetiere. Dabei gelangen mir einige Aufnahmen an Land und unter Wasser. In diesem Artikel berichte ich von meinen Erlebnissen und möchte die dabei gewonnenen Bilder erstmals präsentieren.

Wie schon im letzten Artikel über meine Reise nach Helgoland angekündigt, möchte ich nun über das absolute Highlight und den Hauptgrund meines Trips berichten. Ich hatte nämlich ein ganz klares Ziel auf dieser Reise:

Unterwasserfotos von Kegelrobben.

Seit ich im letzten Jahr den Einstieg in die Unterwasserfotografie wagte, schwirrte mir die Idee von Robbenfotos in ihrem wahren Element (dem Wasser) im Kopf herum. Je mehr Gedanken ich mir darüber machte, desto schneller wurde klar, dass ich dieses Unterfangen unbedingt 2017 angehen wollte. Lange hat es dann nicht mehr gedauert bis ich die Reise komplett geplant und gebucht hatte. Dabei kam mir natürlich sehr entgegen, dass ich bereits zuvor schon zweimal auf Helgoland fotografiert hatte.

Doch diesmal sollte es eine meiner größten Herausforderungen werden.

Begonnen hat alles am Hauptbahnhof in Wien. Mein Gepäck fiel diesmal üppiger aus als mir lieb war. Neben der ohnehin schon schweren Standard-Fotoausrüstung, waren noch folgende Dinge für dieses Unterfangen unentbehrlich:

Neoprenanzug mit Haube, Handschuhen und Füßlingen; eine Tauchgrundausrüstung bestehend aus Tauchmaske, Schnorchel und Flossen; über 10kg Bleigewichte um dem Auftrieb von Anzug im Salzwasser entgegenzuwirken; und natürlich ein Unterwassergehäuse für das Fotoequipment.

In Summe waren das über 50kg Reisegepäck. Doch wie heißt es so schön: „Ohne Fleiß kein Preis“.

Zum Glück war das Platzangebot im Zug und der Fähre ausreichend. Nach gut 20 Stunden Reisezeit war ich dann endlich an meinem Ziel angelangt: Die Helgoländer Düne.

 

Nach meiner Ankunft ging es dann natürlich gleich in Richtung der Kegelrobben. Auf dem Weg dorthin begegnete ich noch einem sehr relaxten Austernfischer den ich natürlich ausgiebig fotografieren musste. Es waren meine ersten Fotos auf dieser Reise.

Bevor ich dann endgültig bei den Robben ankam, musste noch etwas sehr Wichtiges erledigt werden.

Ich stellte mich bei den verantwortlichen Rangern und Rettungsschwimmern der Helgoländer Düne vor. Da ein solches Unterfangen nicht ganz ungefährlich ist, sollte man selbiges unbedingt ankündigen und den Rat von Profis einholen. Dies tat ich natürlich gleich am Anfang.

Auch wenn das Wasser zu dieser Zeit maximal 10°C hat und kaum jemand schwimmen geht (außer ein leicht verrückter Naturfotograf aus Österreich ;-), beginnt Anfang Mai offiziell die Badesaison auf Helgoland. Durch die starken Strömungen und teilweise hohen Wellen ist es manchmal schwierig sich im Wasser zurecht zu finden. Es ist auf jeden Fall gut zu wissen, dass die Strände während der Badesaison überwacht werden (Vorsicht sollte trotzdem immer geboten sein).

Natürlich darf man auch nicht vergessen, dass man sich Strand und Wasser mit Kegelrobben und Seehunden teilt. Daher sollte man unbedingt die Regeln beachten und die Tiere nicht stören oder gar verfolgen. Man ist als Mensch immerhin Gast im natürlichen Lebensraum der Tiere.

Wie zu erwarten war, traf ich im Anschluss auf die Kegelrobben. Sie kugelten gemeinsam am Strand herum und genossen das Leben in der zaghaft scheinenden Sonne. Die Hauptdarsteller präsentierten sich von ihrer besten Seite. Leider konnte man das nicht unbedingt vom Wetter behaupten.

 

Wie man es von der Nordsee kennt, war es während der ersten Tage ziemlich windig. Die daraus resultierenden Wellen wirbelten den feinen Sand so dermaßen auf, dass die Sichtweite unter Wasser weniger als zwei Meter betrug. An ein Fotografieren im Wasser war daher zunächst leider nicht zu denken. Ich vertrieb mir die Zeit mit dem Fotografieren unter festem Untergrund an Land. Denn schließlich sind Austernfischer, Basstölpel, Eiderenten, Möwen Trottellummen und natürlich ebenso Kegelrobben und Seehunde willkommende Motive.

Am dritten Tag begab ich mich dann erstmals mit der Kamera in die Nordsee. Auch wenn die Sichtweite unter Wasser (ca. 2-3 Meter) sowie der Wellengang noch immer nicht besonders berauschend waren, konnte man doch eine leichte Verbesserung im Vergleich zu den Tagen zuvor ausmachen. Es war wichtig erste Erfahrungen mit dem Equipment unter diesen schwierigeren Bedingungen sammeln zu können. Da ich mich schon am Vortag ohne Kamera ins kalte Nass wagte, holte ich mir den ersten Kälteschock schon etwas früher ab und war dadurch auch schon ein bisschen abgehärtet und auf den Wellengang eingestellt. Trotzdem kosten die ersten Sekunden jedes Mal aufs Neue eine kleine Überwindung.

Nachdem ich die Dichtheit des UW-Gehäuses geprüft hatte, tauchte ich ein und das Abenteuer begann. 

Schon im ersten Moment zieht man die Aufmerksamkeit der Tierwelt auf sich. Als ich mich ins kalte Nass begab, erhoben sich plötzlich in einem Umkreis von ca. 30 Metern mehrere Köpfe aus dem Wasser. Es war wirklich unglaublich. Noch ein paar Sekunden zuvor war kein einziger Meeressäuger in Sicht. Ich war zweifelsohne am richtigen Ort.

Nach einer halben Stunde konnte ich dann auch schon erste Verhaltensmuster erkennen. Seehunde waren eindeutig scheuer und zurückhaltender als Kegelrobben. Während die Seehunde stets einen Abstand von mindestens 15 Metern wahrten und mich dabei meistens mit einem skeptischen Blick musterten, unternahmen zwei Kegelrobben schon vorsichtige Annäherungsversuche. Einmal kam ein junges Weibchen sogar bis zu zwei Meter an mich heran und schwamm unter mir durch. Dabei Blickte sie kurz zu mir hoch ehe sie dann eine Rolle seitwärts einlegte um anschließend im trüben Meer zu verschwinden.

Ich riss die Augen auf, mein Puls raste, es war ein kurzes aber sehr intensives Erlebnis. Unglaublich wie schnell sich die Säuger unter Wasser fortbewegen und imstande sind innerhalb von Sekundenbruchteilen ihre Richtung zu ändern. 

Mir wurde wieder schlagartig bewusst, dass der Mensch unter Wasser einfach nur Passagier ist.

Im Zuge dieser Begegnung entstanden meine ersten Unterwasseraufnahmen einer Kegelrobbe.

Während der nächsten Tage machte mir das Wetter abermals einen Strich durch die Rechnung. Doch die Wettervorhersage ließ mich nochmals hoffen. Und wirklich, am letzten Tag fand ich die mit Abstand besten Bedingungen in dieser Woche vor. Kaum Wellengang und an die fünf Meter Sichtweite unter Wasser.

Ich war ob der ersten Begegnung richtig euphorisch. Deshalb startete ich den Tag auch extra Früh um das Beste daraus zu machen. Und der letzte Tag hatte es auch in sich.

Ich tauchte wieder ein und wie schon bei meinen ersten Versuchen empfingen mich Seehunde und Kegelrobben mit neugiereigen Blicken. Nach kurzer Zeit fiel mir eine Boje auf die unregelmäßig an Wasseroberfläche zu tanzen schien. Das musste ich mir genauer anschauen. Nach ein paar Flossenschlägen erreichte ich die Boje.

Als ich ankam traute ich meinen Augen nicht.

Es war unfassbar. Ein junges Weibchen spielte mit dem Schwimmkörper keine fünf Meter von mir entfernt. Ich erblickte sie erst kurz bevor ich an der Boje ankam. Es schien so als ob sie mich schon wesentlich früher bemerkte. Sie machte keine Anstalten wegzuschwimmen. Als ob sie mich erwartet hätte. Doch plötzlich tauchte sie ab. Ich befürchtete schon sie verschreckt zu haben, doch auf einmal zog etwas an meiner rechten Flosse.

Als ich hinunterblickte sah ich wie das junge Weibchen von meiner Flosse abließ und begann mich zu umkreisen. Bei jeder größeren Bewegung die ich machte schwamm sie ein Stück zur Seite und wartete meine Reaktion ab. Manchmal verschwand sie auch für ein paar Sekunden um kurz darauf auf der anderen Seite wieder aufzutauchen. Je länger sie in meiner Nähe war konnte ich das steigende Vertrauen spüren. Sie schwamm kreuz und quer, machte Rollen, Pirouetten, schlug Hacken, tauchte unter mir durch und stupste mehrmals den Dome-Port mit ihrer Schnauze an (der Dome-Port ist der vorderer Teil des UW-Gehäuses, eine Halbkugel welche das Objektiv schützt).

Es war überwältigend, einfach wunderschön. Dieses Schauspiel ging über drei Stunden und hätte vermutlich noch länger gedauert. Leider hielt ich es aber keine Sekunde länger in der Kälte aus. Ich musste zurück ins Trockene.

Als ich aus dem Wasser stieg drehte ich mich nochmals um und erhoffte einen letzten Blick auf meine neue beste Freundin werfen zu können. 

 

Doch was dann geschah toppte nochmal alles.

Das junge Weibchen, gut 150kg schwer, kam plötzlich aus dem Wasser und robbte direkt auf mich zu.

"Ist das jetzt wirklich wahr? Träume ich?", schoss es mir in diesem Moment durch den Kopf.

Ich setzte mich vorsichtig ins knöcheltiefe Wasser und wartete auf ihren nächsten Zug. 

Schnurstracks robbte sie zu meinen Flossen und beschnupperte sie. Es war für mich wie in einem Traum. Mit so einem tollen Naturerlebnis hätte ich nie im Leben gerechnet.

Wahrscheinlich meine schönste und spektakulärste Begegnung mit einem Wildtier seitdem ich fotografiere.

Auf jeden Fall ein prägendes Erlebnis und ein perfekter Abschluss dieser Reise. Ich bin äußerst dankbar dafür und hoffe, dass es den Tieren auch in Zukunft auf Helgoland gut geht und sie die Insel noch sehr lange als Lebensraum behalten können.

Der folgende Hinweis ist mir noch besonders wichtig:

So toll und schön diese Erlebnisse auch waren, darf NIEMALS vergessen werden, dass es sich um Raubtiere in freier Wildbahn handelt. Auch wenn sie für uns Menschen in manchen Situationen süß und herzig aussehen, handelt es sich  zu jeder Zeit um wilde Tiere die ihren eigenen Willen haben. Respekt und das Wohl des Tiers muss stets an oberster Stelle stehen.

 

Man darf NIEMALS ein Tier bedrängen oder es unnötigen Stress aussetzten. Wenn es nicht von selber kommt möchte es in Ruhe gelassen werden.

Kommentare: 6 (Diskussion geschlossen)
  • #1

    hans jais (Sonntag, 25 Juni 2017 07:33)

    super,super,super........................christoph.................lg.hans

  • #2

    Christoph Ruisz (Sonntag, 25 Juni 2017 08:57)

    Danke, danke, danke Hans �
    LG Christoph

  • #3

    Robert Reiser (Sonntag, 25 Juni 2017 12:32)

    Sehr beeindruckend, Christoph! Bisher kannte ich die Robben der Düne nur von oberhalb der Wasseroberfläche... danke für diesen Beitrag!

  • #4

    Christoph Ruisz (Montag, 26 Juni 2017 09:54)

    Servus Robert,
    vielen Dank für deine netten Worte. Ja es war schon ein richtiges Erlebnis mit den Robben abzutauchen :-)

    LG Christoph

  • #5

    Roman FRANZ (Sonntag, 30 Juli 2017 15:59)

    Toller Bericht, man hat das Gefühl dabei gewesen zu sein !! l.g. Roman

  • #6

    Christoph Ruisz (Montag, 31 Juli 2017 16:15)

    Hallo Roman,
    vielen Dank für deine netten Worte :-)
    Ich wünsche dir noch eine schöne Woche!

    LG Christoph